Wir in Celle

Warum nicht der Online-Handel das Problem von Celle ist

28. November 2016
Immo W. Fietz von
In schöner Regelmäßigkeit kommt das Thema Leerstand und Zusammenbruch des stationären Handels in Celle auf die Tagesordnung. Das ist gut so. Leider wird dabei immer wieder versucht, gescheiterte Lösungsansätze neu aufzulegen und so mit alten Ideen in eine neue Zeit zu gehen. Warum das völlig falsch ist, lesen Sie hier.

Günter Stachetzki, ehemaliger (angestellter) Geschäftsführer eines grossen Mode-Hauses in Celle, meldet sich in seiner Funktion als Einzelhandelslobbyist und Vorsitzender des Schlosskreises immer mal wieder in Celle zum Thema Einzelhandel zu Wort. Zu­gu­te­hal­ten muss man ihm, dass er der einzige ist, der sich das noch traut.

In letzter Zeit scheint ihn das Thema Online-Handel offenbar endlich ein wenig zu bewegen. In der Ausgabe des Celler Kurier vom 27.11.2016 gibt es da spannende Dinge zu lesen bzw. nicht zu lesen (das muss so betont werden), die tiefe Erkenntnisse in die Handels-Denkweise und -Historie einer Stadt mit 70.000 Einwohnern geben und die aktuellen Probleme des Einzelhandels und des Leerstands sehr plakativ beschreiben.

Herr Stachetzki vertritt im Kern zwei Thesen im vorliegenden Artikel für Celle: 1. Man braucht nur mehr grosse Fläche und dem Einzelhandel wird es wieder gut gehen. Und 2. – die 7-8 grossen Einzelhändler vor Ort müssen sich nur zusammensetzen. Ein „Innenstadt-Kümmerer“ in Celle kann das dann angehen und dann wird es schon attraktiv. Der Online-Handel sei in seinem Wachstum zum Glück nun nicht mehr so stark.

Mit alten Lösungen soll Celle in einer neuen Zeit bestehen

Er bemüht viele historische Begriffe dabei, wie „gute Stube“ und „Protagonisten des innerstädtischen Handels“. Er schliesst, dass es ganz wichtig sei, dass Wettbewerb vor Ort da wäre. Je mehr Wettbewerber vor Ort da wären, umso attraktiver sei es für die Kunden, nach Celle zu kommen.

Das Thema, das uns alle jedoch im Kern angeht – der Online-Handel – wird nur am Rande erwähnt. Und genau darum geht es in dem Artikel. Herr Stachetzki hat offenbar aktuelle GfK-Zahlen zum Anlass genommen, sich öffentlich zu äußern und triumphierend zu erklären, dass das mit dem Online-Handel nun alles gar nicht mehr so schlimm sei. Man bemüht also die Branchenlobbyisten, um alle zu beruhigen, dabei ist die Phase der Panik ja lange vorbei. Es herrscht Endzeitstimmung und viele der Einzelhändler meinen, dass sie nur noch abschliessen müssen und den Schlüssel wegwerfen, da da ja eh nichts mehr (rein)kommt.

Der Online-Handel scheint nicht der Fachbereich von Herrn Stachetzki zu sein und offenbar auch sonst von niemandem, der sich irgendwie in der Celler Presse dazu mal zu Wort meldet. Herr Stachetzki meint, dass die Umsatzzahlen laut GfK sogar rückläufig im Online-Handel seien. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren: Herr Stachetzki biegt und redet sich die Zahlen schön. Man wünscht sich etwas, was so nicht eintreten wird.

Herr Stachetzki irrt in zwei wesentlichen Punkten.

1. Die Zahlen zum Online-Handel sind falsch.

Der Online-Handel wächst nahezu in allen Segmenten Jahr für Jahr zwischen 25% und 60%. Es gibt ganze Branchen, die massiv in den Online-Handel investieren. So hat z. B. der Einzelhandel im Bereich Möbel und Inneneinrichtung für 2016 bereits gut 40% Umsatzzuwachs online gemeldet, grosse Autohersteller wie Fiat verkaufen jetzt bei Amazon, Zalando vermeldet erstmalig schwarze Zahlen und OTTO überlebt überhaupt nur noch, weil es den Online-Handel gibt und der Konzern in den letzten Jahren in diesem Bereich alles richtig gemacht hat. Ganz im Gegenteil zu Karstadt, die Herr Stachetzki zu den grossen Playern in Celle zählt. Karstadt hat den Online-Handel verpennt und es ist eine reine Frage der Zeit, bis auch im Stadtkern von Celle nur noch eine grosse Karstadt-Bauruine des insolventen Konzerns übrig bleibt.

Massiv wird es den KFZ-Handel und die KFZ-Hersteller als nächstes treffen, da Google und Co. vernetzte Elektro-Autos günstig produzieren werden und eigene Vertriebswege nutzen werden. Dem hat die deutsche Auto-Industrie wenig entgegenzusetzen und Celle hat gerade mal eine E-Zapfsäule im Stadtgebiet. Nebenbei wird das vernetzte Auto fatale Auswirkungen auf die Einrichtungen, Unternehmen oder Gastro-Betriebe haben, die nicht im Internet sichtbar sind. Man wird sie schlicht nicht mehr finden.

Herr Stachetzki ignoriert völlig, dass es die Online-Händler derzeit sind, die wieder in die Fläche gehen. Der Online-Handel verdient aktuell das Geld und selbst Saturn und H&M mischen im Online-Handel kräftig mit. Den Online-Handel isoliert vom stationären Handel zu betrachten, ist lange überholt für die grossen der Branche, die Herr Stachetzki und andere gerne in Celle angesiedelt sehen wollen. Nur die Celler Einzelhändler haben noch nicht wirklich verstanden, dass es dem Kunden heute nicht mehr darum geht, auf welchem Kanal er erreicht wird, sondern, dass er so mit Unternehmen kommunizieren kann, wie er es möchte. Unternehmen, die also weder im Internet mobil noch stationär sichtbar sind, werden es zukünftig also noch schwerer haben.

Zu glauben, dass das alles schon vorbeigehen wird, ist naiv. Viele Innenstädte sind dem veränderten Bürgerinteresse schon zum Opfer gefallen und noch mehr Unternehmen. Man muss als Unternehmer auch neue Dinge unternehmen und sich auf Veränderungen einer neuen Zeit einstellen. Das ist eine Herausforderung, aber zugleich auch Aufgabe eines Unternehmers/in. Nach 20 Jahren eCommerce muss auch Herr Stachetzki sich darauf einrichten, dass dieser gekommen ist, um zu bleiben.

2. Es gibt eine Zeitenwende in der Gesellschaft und auch im Handel

Woher soll aber Herr Stachetzki oder auch die anderen rein lokalen stationären Celler Einzelhändler auch wissen, wie das mit dem Handel funktioniert. Sie haben bisher ja online noch nie auch nur eine Strickjacke erfolgreich verkauft. Sie wissen nicht, wer sie nicht sieht, denn diejenigen, die nicht kommen, nicht finden und nicht wissen, wen und was sie suchen sollen, erscheinen auch in keiner Umsatzstatistik.

Im Kern müßte heute an sich ein Geschäftsführer eine Bilanz für versäumte Umsätze durch mangelnde Sichtbarkeit im Online-Handel aufstellen und für daraus resolutierende Fehler im fehlendem Engagement auch gegenüber den Geselleschaftern haften. Nun gut, was interessiert es Herrn Stachetzki, er ist lange in Rente und alle die anderen Händler sind oft inhabergeführte Geschäfte, die niemanden Rede und Antwort stehen müssen.

Die Zeitenwende im stationären Handel ist an sich ein Spiegelbild des gesamten Wirtschaftsraumes, mit dem sich viele nur schwer anfreunden können. Es betrifft alle Lebensbereiche – vom Einzelhandel, über die Arztterminbuchung, die Presse bis hin zu touristischen Angeboten. Wer online nicht sichtbar ist, den gibt es nicht mehr.

Die Auto-Industrie hat mit dem Abgasskandal die Bürger verprellt und behandelt nun in Schadensersatzfragen deutsche Käufer anders als us-amerikanische Kunden. Die Banken haben den deutschen Sparer enteignet und diese Auswirkungen werden viele noch in Jahren bei der privaten Rentenabsicherung spüren. Wem soll man da noch trauen?

Die Stadt Celle macht zwar gerne Leerstands-Bestandsaufnahmen, kümmert sich seit Jahren jedoch weder um eine Fortentwicklung der technischen Infrastruktur noch kann sie auch nur im Ansatz den Grund für Leerstände ohne externe Hilfe und massive Investitionen bekämpfen. Verlustabschreibungsmodelle ermöglichen es Eigentümern, gewerbliche Fläche lange ungenutzt stehen zu lassen. Es fehlt an Grundverständnis für verändertes Nutzungs- und Kaufverhalten der Bürger. Es sind nicht die Bürger, die falsch – nämlich im Online-Handel – einkaufen, sondern es sind die stationären Händler, die nicht mehr sichtbar sind und keine zeitgemäßen Angebote den Bürgern machen.

Forderungen für eine moderne Celler Innenstadt

Im Kern geht es nicht darum, irgendwo einen neuen Gewerbetreibenden in irgendeinen Verkaufsraum zu bringen, wie es z. B. der Gründerwettbewerb der IHK und anderer immer wieder stolz präsentieren. Es geht darum, die neue Zeit zu verstehen und die Städte zu modernisieren. Dies muss am Bürger und mit dem Bürger geschehen und eben nicht über seine Köpfe hinweg. Fehler, die man noch vor 20 Jahren unter den Teppich kehren konnte, werden heute schnell sichtbar. Sicherlich ein Grund, warum gerade die kleinen Städte wie erstarrt sind und sich kaum noch trauen, irgendetwas zu unternehmen. Den kleinen Unternehmen geht es da kaum anders, als den Verwaltungsbeamten.

Dabei ist es gerade in der Zeit eines Umbruchs wichtig, mutig zu sein, Dinge anzugehen und Lösungen zu präsentieren. Selbst wenn man diese später korrigieren muss oder auch Fehler eingestehen muss.

Um den Leser nicht ratlos am Ende dastehen zu lassen, hier einmal ein kurzer Auszug aus unserem Plan für eine moderne und zeitgemäße bürgerfreundliche Stadt mit unter 100.000 Einwohnern:

  • Einstufung der gesamten Innenstadt als regionaler Markt- und Handelsplatz
  • mehr Sichtbarkeit der Unternehmen durch zentrales SEO/SEA-Marketing
  • zentrale technische Beratung der Unternehmen im eCommerce
  • Unterstützung der Unternehmen beim Umbau auf ERP-Systeme
  • Marktplatzanbindungen regional und überregional (Amazon/eBay)
  • Zusammenführen von Liefer- und Rückgabewegen stationär und mobil
  • Verzicht auf Beteiligung von IHK, HKs oder anderen Lobbyistenverbänden
  •  keine neuen Gutachten zu Laufwegen oder Besucherströmen
  • City-WLAN flächendeckend und nicht de-zentralisiert
  • Schaffung erreichbarer City-Point als Ausstellungs-, Rückgabe- und Abholort
  • Stärkung des Selbstbewusstseins der Händler durch zeitgemäße Präsenz

Diese Liste kann durch viele Punkte fortgeschrieben werden. Es geht (auch) um die Schaffung eines städtischen Internet-Öko-Systems, welches sich reibungslos in die bestehenden Kreisläufe, Gewohnheiten der Menschen und Unternehmen eingliedert. Es geht um den demographischen Wandel und auch die zunehmende Internetnutzung im Alter.

Allein das smartphone hat nicht nur das äußerliche Verhalten der Menschen massiv verändert, sondern auch Gewohnheiten, Abläufe und eben auch Käuferströme. Auf eine solche Veränderung mit mehr Verkaufsfläche und verkaufsoffenen Sonntagen zu reagieren, verkennt die Bedürfnisse der Menschen völlig.

Das ist ein riesiger Kraftakt für eine kleine Stadt, aber es muss angegangen werden, denn niemand da draussen wird es für Euch erledigen.

Die Stadt muss bei allen eigenen wirtschaftlichen Interessen der Verwaltung, der Unternehmen und der Bürger sich stärker als Einheit verstehen und zusammengeführt werden. Gemeinsames WLAN, gemeinsames Online-Marketing und ein technischer Mindeststandard, der allen zur Verfügung steht, kann zu einem stärkeren WIR-Gefühl führen, bei dem eben nicht nur die 7-8 Hauptakteure des Herrn Stachetzki gewinnen, sondern die gesamte Stadt lebensfreundlicher wird und so Probleme durch einfaches Handeln gelöst werden, auf dem Weg, wie die Menschen es suchen und nicht, wie Einzelhandelsstrategen sich diese Welt durch eine verklärte Brille zurechtmalen und doch stetig zu spät sind.

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von Immo W. Fietz

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