Initiative Celle

Celle – Zeit den Online-Handel zu akzeptieren

29. Juni 2017
Immo W. Fietz von
Viele Jahre sind nun ins Land gegangen, seit dem Monster wie Amazon und eBay über die Innenstädte unserer klein- und mittleren Städte hergefallen sind. Viel übrig geblieben ist nicht und es kommt noch schlimmer. Verdient.

Wir sprechen, wenn wir das Problem der Innenstädte beleuchten, immer gerne von Celle, einer Stadt mit ca. 70.000 Einwohnern nördlich von Hannover. Es kann auch jede andere Stadt dieser Größenordnung sein, mit vermeintlich funktionierender Fussgängerzone und scheinbar allem, was man so braucht zum Leben, z. B. Wuppertal, Lüneburg oder Hameln.

Celle hat vieles gemein mit den vielen anderen kleinen und mittleren Städten in Deutschland. Der Leerstand greift nun auch massiv die guten Lagen an. Der stationäre Einzelhandel verschwindet aus der Stadt und wird dort, wo man sich die Miete leisten kann, mit Gastronomie ersetzt. Vormals reine stationäre Einzelhändler bieten über Nacht plötzliche Kaffee und Kuchen an. Händlerverbünde rudern wild mit verkaufsoffenen Sonntagen rum und man sucht einen Schuldigen für die Misere, dass niemand mehr die Innenstadt aufsuchen mag zum Shoppen.

Schuld sind die stationären Händler selbst

Jahrelang hat man im stationären Einzelhandel den Online-Handel verteufelt und massiv am Kundennutzen vorbei gelebt. Das kommt nun auf den Einzelhandel zurück. Anstatt zu akzeptieren, dass offenbar Amazon und eBay alles richtig machen, versucht man sich abzugrenzen. Dabei ist Amazon lange kein reiner Online-Marktplatz mehr. Amazon drängt in alle Bereiche des öffentlichen Lebens – vom Lebensmittelhandel bis zu Ausstellungsräumen in guten Lagen. Aber letzteres wird in Celle nicht ankommen. In Celle bleibt dann nur der Leerstand und die Wirkung von Amazon, ohne das Amazon wirklich lokal präsent ist, wie in München oder Berlin.

Die meisten Einzelhändler und Dienstleister in Celle haben die digitale Welt und damit gut 20 Jahre Handelsentwicklung völlig verschlafen. Das bekommen sie nun zurecht zurück. Die Umsätze sinken und die Lauffrequenz in den Innenstädten geht zurück. Gleichzeitig hat man mit der Industrie- und Handelskammer auf einen völlig falschen Partner gesetzt. Das ist nicht die Interessensvertretung der kleinen Unternehmen, sondern ein Lobyverein für die Industrie und eine sich selbst-verwaltende Behördenorganisation. Der Widerstand der Händler blieb gegen die IHK aus, nur die Hamburger haben es verstanden, dieses Verwaltungsmonstrum in den Griff zu bekommen.

Schuld soll nun die Politik sein, die zu wenige verkaufsoffene Sonntage erlaubt und darüber hinaus Amazon machen läßt, was es will. Nein, schuld seid Ihr alle selbst. Euch haben die Kunden nicht interessiert. Ihr seid nicht in Vorleistung gegangen, ward nicht experimentierfreudig, habt Eure Kunden nicht gefragt, was sie brauchen, sondern habt einfach so weiter gemacht, wie bisher.

Ganz im ernst, auch wenn wir lokal-patriotisch gerne mal in der Stadt einkaufen, so ist es doch bei Amazon viel einfacher. Retouren werden ohne Murren abgewickelt, die Zahlungssysteme laufen perfekt. Die Ware ist ordentlich verpackt, es geht schnell, man muss nichts schleppen und wird auch nicht böse angesehen. All das hätte Celle und jede andere Stadt auch lange haben können, sind es doch eher ur-alte Gesetze des Handels. Ihr habt sie jahrelang verletzt und nun ist jemand da, der sein Geschäft vollständig um den Kunden herum aufbaut. Und genau das ist extrem schrecklich.

heimatshoppen, lokales shoppen, Vespa-Days und Weinfeste werden Euch nicht retten. Es ist auch nicht Eure Leistung, dass es ein Weinfest in Celle gibt. Der lokale Einzelhandel hat vollständig versagt und die Politik schaut der Verwesung unserer Innenstädte tatenlos zu, anstatt bereits heute Nachfolgepläne für das Karstadt-Haus und C&A zu schaffen. Es wird Jahrzehnte dauern, bis man sich von den Fehlern, die heute gemacht werden, erholt hat.

Die nächste Phase ist da: Umbau der Innenstadt zur Gastro-Meile

Machen wir uns nichts vor. Gewöhnt Euch an den Leerstand. Ihr ändert Euch nicht, also wird es auch bald nur noch vereinzelt stationären Handel geben. Stattdessen kommt Gastronomie in allen Facetten und Preislagen. Die Politik ist völlig unvorbereitet und schaut nur lässig zu. Freut es doch alle, wenn in der Stadt mehr los ist. Leute, die gehen aber nicht shoppen, die trinken nur Kaffee. Es ist ein Ammenmärchen der Politik seit vielen Jahren, dass jemand, der zum Kaffeetrinken in die Innenstadt kommt, auch einkaufen geht. So ist es nicht.

Und auch in Celle wird es keine Filiale von Amazon oder eBay auf absehbare Zeit geben. Die kleinen und mittleren Städte werden einfach vergessen werden und müssen selbst aktiv werden.

Die Innenstädte müssen sich digitalisieren. Werde wie Amazon!

Es gibt derzeit erkennbar nur einen Weg aus dem Dilemma: Werde wie Amazon. Wenn man den Marktführer nicht erreichen kann, dann muss man werden, wie der Marktführer. Kaum ein Unternehmen spiegelt besser wieder, wie sich Kunden von heute verhalten und welche Wege sie gehen. Lerne vom Gegner!

Die Innenstädte wären gut beraten, sich sehr intensiv mit der Digitalisierung auseinanderzusetzen. Eine Innenstadt wie Celle muss ein digitales Ökosystem mit einer Vernetzung von stationärem Handel, Gastronomie, Event, Verwaltung und virtueller Welt werden. Das macht Arbeit, kostet Geld und fordert den Verstand!

Man muss die Innenstadt als Amazon begreifen und entsprechend serviceorientiert stark umbauen. Dabei geht es nicht um lokales WLAN, was irgendwo isoliert vor sich hinarbeitet, sondern es geht um ein digitales städtisches Konzept, das Online und Innenstadt so verbindet, wie es die Bürger, Kunden und Nutzer wahrnehmen. Da gibt es keine Grenzen. In der Realität jedoch wird so getan, als würde es ausreichend sein, wenn einzelne Unternehmen online sichtbar sind und die Stadt Celle eine Facebook-Auftritt pflegt. Es gibt derzeit noch nicht einmal eine Arbeitsgruppe in diesem Bereich.

Die erste Aufgabe der Stadt muss es sein, den digitalen Umbau der Innenstadt nach vorne zu treiben. Wir haben mit dem Marktplatz-Konzept zu DEIN CELLE einen entsprechenden Plan für die ersten Phase vorgelegt. Trennen Sie sich davon, dass es ausreichend ist, ein paar Produkte online zu stellen. Online-City Wuppertal war ein erster gescheiterter Versuch. Es geht nicht um Online-Shopping, es geht um Sichtbarkeit.

Jede Stadt benötigt einen digitalen Masterplan!

Wir müssen in den mittleren und kleinen Städten eine digitale Einkaufsstadt werden – ein Amazon-Ökosystem – und funktionieren wie Amazon, denken wie Amazon, handeln wie Amazon. In den Köpfen der Menschen ist das längst passiert, wenn sie in der Innenstadt auf ihr smartphone sehen. Dabei kann Amazon auch ganz einfach für Kundennutzen stehen. Wir haben aktuell nur kein geeignetes gutes Beispiel, das wir heranziehen könnten und es besser oder gleich gut macht, wie eben Amazon es tut. Amazon versteht jeder, Kundennutzen offenbar nicht.

Es ist kindlich naiv, zu glauben, dass man Entwicklungen wie Amazon irgendwie aufhalten könnte oder ignorieren. Amazon ist ein Spiegelbild der Gesellschaft, bei dem eine alte Unternehmensform, von der nur wenige profitieren wirtschaftlich, auf eine veränderte Welt treffen. Amazon hat jedoch auch viele kleine Unternehmen, die es sich gestern kaum vorstellen konnten, zu Einkommensmillionären gemacht. Amazon ist also eher nicht egoistisch, sondern nutzt die vorhandenen Rahmenbedingungen. Städte sind gut beraten, sich Amazon genau anzusehen.

Das anstrengende Stemmen gegen Leerstand und Kundenverhalten verbraucht nur Resourcen, die an anderen Stellen besser eingesetzt wären. Der Einzelhandel ist keine aussterbende Tierrasse, sondern unterliegt den Regeln des Marktes. Es bedarf keiner Schutz-Initiative wie Initiative Celle, um ihn zu retten, wenn er keine Rettung verdient.

Wir brauchen für die kleinen und mittleren Städte sichtbare bürgergerechte Stadtportale, die sich am Kundennutzen orientieren und nicht einfach nur stumpf Pressemitteilungen oder Produkte abbilden. Die Grenzen sind nicht mehr vorhanden, neben Informationen, will der Bürger natürlich auch Erlebnisse und eben auch Produkte, dies aber ohne scharfe Trennung und ohne Hürden. Wir müssen in der Innenstadt echten Service bieten, modern denken und handeln und die Stadt mit Servicepoints digitalisieren. Andernsfalls wird ausser Gastronomie  nur das Wohnquartier bleiben und man kann sich oft des Eindrucks nicht erwehren, dass eigentlich das reine Wohnquartier die heute gewünschte Form der Innenstadt ist.

Handel hat sich über Jahrhunderte immer und immer wieder verändert. Auch das ist eine Realität, der sich die wohlstandsgewöhnten Händler der 90er Jahre kaum stellen wollten. Es hilft, zu verstehen, was gerade passiert, wenn man sich davon trennt, dass der Wandel im Handel darin liegt, einmal freundlicher mit dem Kunden umzugehen oder eine ipad-Kasse einzuführen. Wer so denkt, wird den Sturm, der derzeit über die Innenstädte hereinbricht, nicht überstehen.

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von Philipp Flues

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