Stadtentwicklung Wir in Celle

Innenstadt-Entwicklung im Focus

1. September 2023

Nach Corona, Energiekrise und dem Niedergang der grossen Kaufhäuser wachen viele Innenstädte auf und merken, dass sie ein strukturelles Problem haben. Regionale kleine Unternehmerinitiativen versuchen mit Events und Strassenfesten die City zu beleben, die Verwaltungen bauen hilflos Blumenkästen auf. Was ist zu tun, um eine zeitgemäße und begehrte Innenstadt zu erhalten? Der Versuch eines roten Fadens.

Der komplette Umbau der Innenstädte steht bevor. Die Städte müssen heute handeln, um die letzten Strukturen zu retten.

Konzept- und ziellos versuchen derzeit Innenstädte zu erklären, warum die Menschen nicht mehr im lokalen Einzelhandel einkaufen, Leerstände zu finden sind und die Gastronomie um 21 Uhr die Küche am Wochenende schliesst, weil keine Gäste mehr da sind. Mal ist es der Online-Handel, dann sind es Immobilien-Investoren, die schuld sind – oder vielleicht doch der Fachkräftemangel? Man nimmt sich das Argument heraus, was am besten passt. Tatsache ist aber, niemand kann ein Konzept für die Innenstadt vorlegen, niemand denkt beim Thema Innenstadt in Leitlinien und hat eine organisierte Vorgehensweise. Die Innenstadt wird wie ein x-beliebiges Ding behandelt, was irgendwie schon laufen wird und die Verwaltung bearbeitet die einfachsten Baustellen zuerst. Dabei stirbt die Innenstadt einfach in ihrer Stuktur ab und je länger wir warten, um so aufwendiger wird die Lösung. Die Aufgaben sind riesig, weil der Umbau der kompletten Innenstädte bevorsteht.

Man spricht gerne regional von irgendwelchen Innenstadtakteuren, die es tatsächlich gar nicht gibt und behauptet, man wäre nun auf einem guten Weg, weil ein Laden neu aufgemacht hat oder sich ein neuer Gewerbeverein gegründet hat. Dann schliesst der nächste Laden und man steht schlechter da als vorher. Also muss ein verkaufsoffener Sonntag her oder einfach mehr Werbung machen?

Am Beispiel der Stadt Celle zeige ich, wie eine Innenstadtentwicklung als rote Linie zur Orientierung – angelegt auf die nächsten 10 Jahre – aufgebaut sein muss, um den Zusammenbruch der gewerblichen Infrastruktur der Innenstadt zu verhindern. Es passt aber auf nahezu alle kleinen Städte, die über eine Fussgängerzone verfügen und erhebliche Probleme im gewerblichen Einzelhandel sehen.

Eltern wollen, dass ihre Kinder wegziehen.

In vielen kleinen und mittleren Städten erhält man oft die Antwort, wenn man Eltern mit höherem Bildungsabschluss befragt, dass sie sich wünschen, dass ihre Kinder wegziehen und auch nach dem Kennenlernen der Welt besser nicht zurück in ihre kleinere Stadt kommen. Vielleicht ist es die stille Hoffnung, dass die Kinder einen besseren Platz finden, als die Eltern es geschafft hatten? Was ist da passiert und was bedeutet das für die Städte und dem Zusammenleben in einer Stadt? Solche Signale müssen aufhorchen lassen.

Interessengruppen krachen aufeinander.

Weil niemand in Konzepten und Jahresschritten an einer Innenstadt arbeitet, krachen die Interessen der verschiedenen Interessengruppen ungebremst aufeinander. Es fehlt an Orientierung und Ziel. Die einen wollen die Autos raus der Innenstadt, die nächsten haben zu wenig Umsatz, andere freuen sich über alles, wie es ist und predigen, dass man nicht alles schlecht reden muss, weil „wir haben es doch schön“. Fahrradfahrer fahren mit 30 Stundenkilometern durch verkehrsberuhigte Bereiche im Slalom um Fussgänger herum, wo nur Schrittgeschwindigkeit erlaubt ist, und alle finden das normal. Der Lieferverkehr nimmt sich immer mehr Raum und stellt die Fussgängerzonen bis in die Mittagszeit mit Kühl-Lkws zu. Das Chaos ist perfekt und es hat eine Ursache – ein fehlendes Konzept, fehlende Orientierung und eine fehlende Wahrnehmung von Handlungsverantwortung.

Das Idealbild einer modernen und lebenswerten Innenstadt.

Unternehmer sind es gewohnt, in Konzepten und Umsetzungsschritten zu denken und zu arbeiten, um Ziele zu erreichen. Solche Konzepte sind in den meisten kleineren Städten nicht vorhanden, noch nicht einmal einen roter Faden für die Entwicklung der Innenstadt gibt es. Es ist kein Ziel definiert. Dabei hängt bei den meisten Städten an der Innenstadt die Gewerbeansiedlung, die Verfügbarkeit von Arbeitskräften und die Attraktivität für den Tourismus – am Ende ist die Innenstadt der Schlüssel für den Wohlstand der Stadt und das gute Leben ihrer Bürger. Diese Erkenntnis ist bei den meisten Verwaltungen vorhanden, vielen anderen fehlt diese, so auch der Industrie- und Handelskammer Celle, die sich aus der Innenstadt komplett herausgezogen hat, wohl wissend, dass es Ungemach und viel Arbeit am Horizont gibt.

Es braucht heute in einer ersten Phase 5 Schritte, um die Innenstadtentwicklung sinnvoll und zielgerichtet voran zu bringen.

  1. Gesetzliche Zuständigkeit klären und Verantwortung übergeben
  2. Digitalisierung von Unternehmen und Behörden vorantreiben und vernetzen
  3. Neuordnung von öffentlichem Raum, Leben, Wohnen und Verkehr
  4. Umbau der Innenstadt in Entwicklungsschritten
  5. Einbeziehung und Anbindung der Naherholungsgebiete

Diese Schritte stehen nicht isoliert und sind auch keine holen Wortphrasen. Jeder kennt sie, nur kommuniziert werden diese nicht klar und niemand weiss, wo man eigentlich steht, weil es an sich leere Phrasen sind, bei denen jeder weiss, wenn man sie mit Inhalt füllt, es viel Ärger und Diskussionsbedarf gibt.

In den nächsten Abschnitten erkläre ich, welche Probleme hinter den Schritten stehen, welche Ziele erreicht werden sollen und warum die Abweichung von solchen Entwicklungsschritten zwangsweise zum Ausbluten der Innenstadt führen wird.

Gesetzliche Zuständigkeit

Im Chaos der Krisen ist etwas untergegangen, dass es klare Zuständigkeiten für die Innenstädte per Gesetz im Föderalismus gibt. Es ist nicht die Aufgabe von kleinen Kaufmannsorganisationen, wie „Initiative Celle“ oder selbsternannten Zukunftsrettern wie „CelleCreativ e. V.“, die schon ein paar Jahre nach ihrer Gründung am Ende ihrer Kapazitäten und Ideen sind, eine Innenstadt zu entwickeln. Sie sind meistens noch nicht einmal in der Lage, ausreichende Impulse für eine Neuordnung zu geben, weil die Interessen zu unterschiedlich sind und der fachliche Hintergrund vollständig fehlt.

Kommunal ist der Oberbürgermeister als Verwaltungschef zuständig und dieser bedient sich gut bezahlter Fachleute im Bauamt, Wirtschaftsförderung, Kämmerei und vielen anderen. Dort liegt die Verantwortung für eine nicht funktionierende Innenstadt. Dort liegt die Verantwortung für Umbau- und Entwicklungskonzepte, die der Stadtrat beschliesst oder nicht beschliesst. Die Folgen sind unmittelbar, auch für den Einzelhandel.

Im Chaos der Hilflosigkeit der Einzelhändler in der Innenstadt entsteht oft der Eindruck, dass der Impuls von den Händlern kommen muss. So ist es nicht. Politik und Verwaltung hätten dies gerne, weil sie so Verantwortung abgeben können. Wir sind im Jahr 2023 angekommen, die Digitalisierung ist ein alter Hut, das Wissen ist vorhanden. Online-Handel ist auch seit mehr als 20 Jahren nicht mehr so das ganz neue Ding und eine schlechte Ausrede für das Verschlafen von Digitalisierung. Politik und Verwaltung sind verpflichtet, zu handeln.

Die IHK als Wohlstands- und Umbaubremse muss vollständig reformiert oder aufgelöst werden.

Speziell nicht nur in Celle ist ein weiterer Akteur per Gesetz verantwortlich: Die Industrie- und Handelskammer Lüneburg-Wolfsburg. Auch das wird oft vergessen, dass dies die eigentliche gesetzliche Vertretung der Einzelhändler ist, und kein freier Händlerverbund, wo man nach Wohlgefallen und Nase mitmachen kann. Zwangsmitgliedschaften per Gesetz sorgen dafür, dass alle Händler dort vertreten sind. Die IHK hat sich in den meisten Städten jedoch vollständig aus dem kommunalen Raum herausgezogen und verwaltet sich kostenintensiv nur noch selbst von Skandal zu Skandal. Dabei wird extrem viel Geld verbrannt und die Innenstadt bleibt auf der Strecke. Ein Konzept für die Innenstadt hat die IHK nicht. Die Bedeutung der IHK Celle hat Schritt für Schritt in den letzten 2 Jahrzehnten massiv abgenommen, mittlerweile ist sie nicht mehr in der Innenstadt ansässig und hat aber gleichzeitig noch nie so viel Geld zur Verfügung wie derzeit. Sie bindet extrem viel Potential in vielen Bereichen, ohne dies jedoch zum Nutzen der Innenstadt und ihrer Zwangsmitglieder einzubringen. Das allein ist ein Skandal.

Die Unternehmer haben es in der Hand, zu entscheiden, ob sie sich von der IHK gut vertreten fühlen. Sie können die IHK Celle von heute auf morgen in die Auflösung bringen, wenn sie sich ausreichend organisieren oder vollständig neu aufstellen. Der IHK Celle nutzt nur, dass sich ihre Zwangsmitglieder nicht einig sind, sie schlechter organisiert sind und wenig Erfahrung im Umgang mit Behörden haben.

Die IHK Celle, die es so namentlich gar nicht mehr gibt, ist kein abstraktes Konstrukt, sondern hat eine Funktion und einen gesetzlichen Auftrag und die Auflösung ist möglich. Wenn die IHK Lüneburg-Wolfsburg nur noch die Standorte Lüneburg und Wolfsburg fördert und nur wenige grosse Unternehmen davon profitieren, dann sollte Celle daraus Konsequenzen ziehen und aus diesem IHK-Verbund austreten und zugleich die gewerbliche Unternehmervertretung in Zusammenarbeit mit der dienstaufsichtsführenden Stelle neu organisieren. Dazu braucht es nicht viel, nur ein geschlossenes Auftreten weniger Zwangsmitglieder der IHK. Ich vermute stark, dass das auf offene Ohren von vielen Mitgliedern der Kammern trifft, wenn man es offen kommuniziert. Hören Sie endlich auf, einfach nur mitzumachen und dem Treiben der Kammern tatenlos zuzusehen.

Beide zusammen, kommunale Verwaltung mit dem Stadtrat und die Industrie- und Handelskammer, sind die Organe, bei denen die Zuständigkeit für die Innenstadtentwicklung liegt. Bei ihnen liegt auch die Verantwortung für das Scheitern, für nicht zeitgerechte Massnahmen, für fehlende Konzepte und in der Folge das Ausbluten der Innenstädte.

Digitalisierung vorantreiben und vernetzen

Der Schlüssel für einen erfolgreichen Einzelhandel liegt im Jahr 2023 in der Digitalisierung und zwar auf vielen Ebenen. Bestellwesen, Warenverfügbarkeit, Kundenansprache und Sichtbarkeit hängen unmittelbar am Grad der Digitalisierung. Selbst wenn kein Online-Shop betrieben wird, muss der Grad der Digitalisierung vor dem Hintergrund des Kostendrucks durch Personal und den gesetzlichen Anforderungen hoch sein. Die Vernetzung an unterschiedlichen offenen Schnittstellen (namentlich Api) ist zwingend notwendig. Und nur ein hoher, auf Standards basierender, Digitalisierungsgrad des Einzelhandels ermöglicht gemeinsames kaufmännisches Handeln im Jahr 2023 und in den Folgejahren in einem abgegrenzten regionalen Innenstadtraum, der zudem auch gut organisierbar ist.

Der Schlüssel für erfolgreiches Tourismusmanagement liegt in der Digitalisierung. Nicht nur überregionales Marketing, sondern auch die regionale Vernetzung von Strukturen hängt am Grad der Digitalisierung. Dabei muss der Tourismus nicht nur offene Api-Systeme zu Hotelbuchungssystemen bieten, auch Veranstaltungskalender und der Anschluss an digitale Stadtführungen, Angebote des Einzelhandels sowie kommunale Systeme muss entwickelt werden, um einheitlich zeitgemäß wirken zu können.

Der Schlüssel für eine moderne Kommune liegt in der Digitalisierung. Dabei wird kommunal viel zu sehr der Focus auf die eigenen Dienste gelegt. Entscheidend ist aber die offene Schnittstellen-Architektur zu externen Systemen. In dieser Entwicklung gibt es nichts – wirklich nichts – was die Kommunen an Hausaufgaben in den letzten 20 Jahren erledigt haben. Dienste stehen digital völlig isoliert im Raum und finden in den Innenstädten einfach nicht statt. Noch nicht einmal die Vernetzung der Systeme zwischem kommunalem Tourismanagement und Veranstaltungsorganisation ist vorhanden, geschweige denn, dass digitale Stadtführungen Vernetzungen zu anderen Plattformen erfahren. Es ist alles isoliert und damit nur kostenintensiv wertlos. Die Kommunen handeln weder zeitgemäß, noch fachlich richtig.

Es ist Aufgabe der gesetzliche verantwortlichen Stellen, die Digitalisierung massiv in den unterschiedlichen Bereichen voranzutreiben und zu vereinheitlichen. Wenn die IHK Celle dies nicht leisten kann, muss sie aufgelöst werden oder komplett neu strukturiert werden. Wenn die Stadt Celle in kommunaler Verantwortung hier keine Kompetenz vorhält, muss diese zeitnah beschafft werden durch ausreichende personelle Umstrukturierungen.

Führungspersonal im kommunalen Bereich, das keine grundlegenden Kenntnisse der 3 Schlüsselfunktionen der Digitalisierung im Innenstadtbereich hat, ist eine Fehlbesetzung im Jahr 2023. Wir erwarten diese Grundkenntnisse heute von jedem kaufmännischen Azubi. Digitalisierung ist eine Führungsaufgabe und keine Aufgabe, die Unter-Abteilungsleiter im Informationsamt erledigen können. Digitalisierung als Thema ist ein Dauerthema des Stadtrates, auch wenn dort altersbedingt niemand die Themen auf dem Tisch haben möchte. Es ist bodenlos verantwortungslos, das Thema Digitalisierung isoliert in einzelnen Diensten zu behandeln und aus der ständigen Führungsaufgabe zu entfernen. Wenn Sie sich in verantwortlicher Stelle damit überfordert sind, sind Sie am falschen Arbeitsort. Wir können uns Führungsschwäche nicht mehr leisten.

Neuordnung von öffentlichem Raum und Verkehr

Verkehr im Innenstadtbereich ist ein heisses Thema und die Fronten sind stark verhärtet. Es ist Aufgabe der Verwaltung, dies zu ordnen. Fussgänger, Autos und Fahrräder auf einer Fläche, in einem Verkehrsweg, gemeinsam fahren zu lassen, setzt starke Rücksichtnahme voraus, von der jeder heute weiss, dass wir diese nicht erzwingen können. Verkehrsarten müssen getrennt werden und dürfen nicht hinsichtlich der Nützlichkeit oder Notwendigkeit bewertet und gegeneinander ausgespielt werden. Jede Verkehrsart hat beim individuellen Verkehrsteilnehmer Sinn und Zweck. Die Verwaltung hat die Aufgabe der Ordnung und nicht den Zweck zu hinterfragen. Die unterschiedlichen Interessen sind massiv und es ist falsch, den Gruppen, die vermeintlich am lautesten sind, den meisten Raum zu geben. Die verkehrstechnische Trennung, wie diese seit Jahrzehnten erfolgreich war, muss auch heute umgesetzt werden mit anderen Rahmenbedingungen.

Wohnen im Innenstadtbereich ist für junge Familien nicht attraktiv. Die Bauauflagen sind meistens streng, die Satzungen der Innenstädte regeln alles bis auf den letzten Stuhl. Spiel- und echte Erholungsflächen gibt es nicht, die Lautstärke der gewerblichen Verkehrs ist enorm. Allein in Celle kann eine junge Familie noch nicht einmal eine Bank vor die Tür stellen und eine Rose pflanzen, ohne dass dies massiv behördlich begleitet wird. Neue Plätze werden kaum bepflanzt und stark verdichtet. Hohe Bäume gibt es kaum. Direkt angebundene Naherholungsflächen, die den Namen auch verdienen, sind nicht vorhanden. Auf den meisten Parkwegen kann man bei Regen nur noch Schwimmen. In diesen Bereichen ist Innenstadtentwicklung der letzten Jahre eine leere Worthülse.

Umbau der Innenstadt in Entwicklungsschritten

Richtig wäre es, die ideale Strasse im Innenstadtbereich zu denken und zu visualisieren. Wie soll diese aussehen. Wie sehen Strassen im Innenstadtbereich heute aus, die jeder Mensch mag und wo man gerne sein möchte? Speziell vor dem Hintergrund funktionierender Altstädte hat jeder Mensch eine Vorstellung einer solchen Strasse oder Gasse. In Altstädten ist das geprägt mit Kopfsteinpflaster, blühenden Rosen, Bänken. Und dennoch muss dort Raum für Fahrräder und Autos sein.

Kein Problem kann auf der selben Bewusstseinsebene gelöst werden, auf der es geschaffen worden ist. (Albert Einstein)

Wer so ein Bild nicht visualisiert, hat kein Ziel. Wenn ich nicht weiss, was ich eigentlich als lebenswert empfinde, kann ich es auch nicht entwickeln. Es geht um ein konkretes Bild und nicht um abstrakte Wünsche einer Bürgererhebung, wo der eine einen Spielplatz will, der andere mehr Bänke. Wie soll eine vorbildliche Strasse in der Innenstadt aussehen, wo Mensch leben, wohnen, arbeiten und andere Menschen diese zum Einkaufen und Aufenthalt nutzen? Es braucht ein konkretes Bild, um in die Umsetzung zu kommen.


Als die ersten Fussgängerzonen für die Einkaufsstädte der 80iger Jahre entstanden sind, war dies eine enorme Aufgabe der Kommunen, dies baulich umzusetzen. Der Erfolg gab ihnen für 30 Jahre recht. Nun sind wir am Wendepunkt. Die Fussgängerzone muss rückgebaut werden, genauso schnell und effektiv, wie diese entstanden ist. Das ist die Kernaufgabe der Innenstadtentwickler in kleinen Städten. Die Fussgängerzone muss sich zum urbanen Raum entwickeln, was mit einem 70iger Jahre Stein, einer vollständigen Versiegelung von Flächen nicht denkbar ist. Pflanzen gehören in den Boden und nicht in mit Werbung bedruckte Tröge. Die Fussgängerzone von heute ist lebensfeindlich und genau aus diesem Grund, wohnt kaum jemand mehr in den Innenstädten, entwickeln sich die Städte zu Geisterstädten nach 21 Uhr und auch Immobilieneigentümer haben keine Lust, selbst in ihren Häusern dort zu wohnen oder diese weiterzuentwickeln.

Rückbau der Fussgängerzonen nicht ohne emotionale Visualisierung des Ziels!

Der schrittweise Umbau ist einfach, wenn die Aufgaben getrennt werden und dennoch zusammen gedacht werden. Die Entwicklung einer Vorzeige-Modell-Strasse führt zu Akzeptanz der Bürger und ermöglicht die stufenweise Fortentwicklung der Stadt. Dabei geht es nicht um Minimalismus, es geht um die neue Innenstadt. In Celle wäre das zwischen viel Fachwerk, ein komplett beseitigte Fussgängerzone mit 70iger Jahre Steinen, Kopfsteinpflaster historisch an alte Bauwerke angepasst, planierte getrennte Radwegzonen und ggf. Gehzonen für ältere Menschen. Die Strassen müssen optisch enger und lebenswerter werden und dabei zugleich emotionaler. Wer sich das nicht vorstellen kann, der benötigt ein Bild. In der Verwaltung gibt es ausreichend Innenstadt-Architekten, die auch ohne Ausschreibung, so etwas zeichnen können und durch den Stadtrat weiterentwickeln lassen können.

Vielleicht ist dies eine unkonventionelle Art, eine Innenstadt zu entwickeln. Es ist aber bei der Hilflosigkeit aller beteiligten Menschen die einzige Art, die mitnehmend und zukunftsorientiert ist und es lohnt den Versuch, die Menschen auch emotional an ihrer Stadt zu beteiligen. Menschen, ohne emotionale Bindung an ihre Innenstadt, benötigen diese nicht mehr. Die Stadt gerät dann zunehmend in Umsatzdruck, den sie aber im Ist-Zustand gar nicht erfüllen kann.

Der Ist-Zustand der Unternehmen der Innenstadt im Bereich der Digitalisierung und Vernetzung ist erfolgsentscheidend für die Sichtbarkeit beim Bürger. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir über regionale oder überregionale Sichtbarkeit sprechen. Moderne Informationssysteme ermöglichen die Vernetzung von Daten und deren Einsatz, zu unterschiedlichen Zwecken. Es gibt keine 2. Chance für die meisten Einzelhandelsgeschäfte der Innenstadt.

Ein zentrales Digitalisierungskonzept ermöglicht es dem Einzelhandel, die eigenen Systeme fortzuentwickeln und in das städtische Datenkonzept einzugliedern. Nur dann entsteht auch eine geschlossene dateneinheitliche Innenstadt, von der alle profitieren, Kunden, Händler, Verwaltung und Gäste. Die Erwartungshaltung der Menschen ist hoch und gerade geschlossene urbane Räume können mit verhältnismäßig einfachen Mitteln und geringen Kosten diese Erwartungshaltung erfüllen, die entscheidend für den Gesamteindruck einer Stadt beim Bürger und nach aussen ist. Warum insbesondere kleinere Städte, wie Celle, die einen klar abgrenzbaren Innenstadtkern haben, eine solche Chance als Leuchtturmprojekt nicht nutzen, erschliesst sich einem Aussenstehenden kaum.

Städte, die den Menschen emotional erreichen auf den Ebenen, auf denen sie heute angesprochen werden möchten, haben kein Leerstandsproblem.


Einbeziehung und Anbindung der Naherholungsgebiete

Ein Naherholungsgebiet im Jahr 2023 ist nicht eine grüne Wiese, ein Weg, der bei Regen nicht begehbar ist und eine halb-zerstörte mit Grünbelag überzogene Bank. Naherholung im städtischen Bereich heisst, Spielraum, Schlechtwetter-Wege, Wasserflächen, Bootsverleih, Biergärten und vieles mehr. Insbesondere in Celle profitieren von der Naherholung an der Aller nur wenige Immobilieneigentümer direkt am Fluss, die vermeintliche Überschwemmungsfläche ist ein Mückensumpf, das einzige möglich Cafe-Haus am Fluss eine Behörde, der Bootsverleih erinnert eher an einen Abrissschuppen, die Rudervereine belegen einfach den anderen öffentlichen Flussraum und die Hunde kacken überall hin, wo Menschen sich schon lange nicht mehr aufhalten wollen. Da helfen auch keine schwarzen Öko-Tüten.

Anbindung von Naherholung an Innenstädte heisst, diese auf beiden Seiten zu öffnen. Flüsse brauchen Brücken und zwar an unterschiedlichen Stellen und nicht auf einer zentralen Fahrradautobahn. Überschwemmungsflächen kann man ganzjährig fluten und Kindern dort mit Optimisten das Segeln beibringen. Selbstbedienungs-Sommer-Cafes kann man zeitlich beschränkt in warmen Monaten mit Bootsverleih öffnen lassen. Man kann den Menschen zwischen Innenstadt und Erholung fliessend wechseln lassen und verstärkt damit die emotionale Bindung an die Stadt.

Städte, die wertvolle Naherholung anbieten und offene Räume zwischen Innenstadt und Naherholung herstellen, haben kein Leerstandsproblem.


Am Ende kann vieles gut werden.

Es ist unfassbar viel in Schieflage in unseren Innenstädten. Wir verlieren unsere Kinder an attraktivere Orte, wenn wir heute nicht handeln und unsere Stadt emotional umbauen. Natürlich entstehen bei solchen umfangreichen Massnahmen, wie dem Rückbau von 80iger-Jahre-Fussgängerzonen, enorm viele Probleme und an jeder Ecke steht ein bürgerlicher Bedenkenträger, der auch die Digitalisierung weder lebt noch verstanden hat. Wenn Sie mich aber jetzt noch als Stadtrat, IHK-Geschäftsstellenleiter oder Bürgermeister fragen, wie wir das denn machen sollen, dann würde ich Ihnen raten, Ihre Koffer zu packen und an einen Ort zu ziehen, der Sie mehr emotional bindet als Ihre Stadt es tut.

❌ Innenstadtentwicklung ist keine Spielwiese für Unternehmerverbände, deren Mitgliedern der eigene Umsatz nicht reicht oder die die eigentliche unternehmerische Entwicklung verschlafen. Auch die wir-machen-so-weiter-Fraktion hat bei einer Weiterentwicklung nichts verloren. Attraktive Innenstädte müssen sich um Leerstand und Ansiedlung kleiner Unternehmen keine Sorgen machen.

❌ Innenstadtentwicklung ist kein Aufbau von Blumenkästen oder das Anmalen von roten Fahrradstreifen. Sitzbänke zu designen, ist keine Innenstadtentwicklung.

❌ Innenstadtentwicklung ist kein verkaufsoffener Sonntag und auch nicht die Eingliederung des kommunalen Tourismusmanagements in das Unternehmen des städtischen Energieversorgers, um die Kosten zu senken.

Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und niemand ginge, um einmal zu schauen, wohin man käme, wenn man ginge. (Kurt Marti)

Aus meiner Sicht können, müssen und dürfen Verwaltungen oder Körperschaften, wie die IHK, sich ausprobieren und in neuen Tätigkeitsfeldern einarbeiten. Sie dürfen dabei auch einen Fehler machen. Einen Fehler 2x zu machen und ihn dann immer zu wiederholen, ist aber unentschuldbar. Untätigkeit ist auch ein Fehler. Entscheiden Sie selbst, ob Sie nun zu einer der vielen Empörungsgruppen gehören oder zu der Gruppe, die zielgerichtet nach vorne denkt und in diesem Land, dass an allen Ecken auseinander bricht, wieder etwas ordnen möchten. Dann lassen Sie die, die Arbeit machen, die das am besten können und sorgen Sie für deren Kontrolle.

✅ Aktivität ist aber nicht alles. Entscheidend ist die zentrale Ausrichtung der Innenstadtentwicklung anhand eines visualisierten Konzeptes mit mehreren Schwerpunkten, dass regelmässig überarbeitet wird mit einem ganzheitlichen Denk- und Lösungsansatz in vielen Bereichen von den zuständigen Stellen. So wird es überprüfbar und der Bürger wird mitgenommen auf einem Weg, der heute noch unvorstellbar ist. Machen wir es vorstellbar.

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Über Immo W. Fietz

Immo W. Fietz, Jahrgang 1970, ist gelernter Programmierer, studierter Jurist und Betriebswirt sowie Sachverständiger für Neue Medien. Hier schreibt er als leidenschaftlicher eCommerce-Spezialist der ersten Stunde über tägliche Probleme im Online-Handel und der Verknüpfung von stationärem Handel mit dem Internet, lokale Marktplätze, Stadtentwicklung in der Digitalisierung und politische Rahmenbedingungen des eCommerce.

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