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Die Zukunft der Innenstädte

10. Februar 2021
Immo W. Fietz

Seit Jahren beschäftige ich mich beruflich und privat mit dem Wandel der Innenstädte in kleinen und mittleren Kommunen. Nun haben Industrie- und Handelskammer als auch viele Oberbürgermeister coronabedingt das Thema neu entdeckt und machen dabei die gleichen Fehler, die sie seit Jahren machen, wenn es um unsere Innenstädte geht.

Die Innenstadt geht alle etwas an. Nicht nur dort ansässige Unternehmen sind vom Wandel der Innenstädte und vom Kaufverhalten und Aufenhaltsdauer der Bürger dort betroffen, auch die Kommunen haben ihr ganz eigenes Interesse an einer funktionierenden Innenstadt. Nicht zuletzt der Bürger misst die Qualität seines Wohnstandortes, den Wert seiner Immobilie und vieles mehr am Zustand der Innenstadt und Gewerbeansiedlungen funktionieren oft nur, wenn die Innenstadt ausreichend attraktiv ist. Erstaunlich, dass die Innenstädte erst jetzt auf der Agenda sind.

Derzeit ist es von Seiten der Bürgermeister und der Kammern sehr trendy, das Problem der Innenstädte auf den Online-Handel zu schieben und das sehr undisziplinierte Kaufverhalten der Bürger, die keine Lust mehr haben, die Innenstädte zu besuchen, und die ständigen Aufrufe zu mehr Lokalität beim Einkaufen missachten. Es läuft eine Form der Bürgerbeschimpfung in den kleinen Städten grossen Ausmaßes und die Bürgermeister müssen aufpassen, dass es nicht eskaliert.

Es gibt wohl kaum ein Thema, wo mehr gelogen und Schuld zugewiesen wird, als beim Thema Leerstände in Innenstädten, Einzelhandel in Verbindung mit dem Online-Handel und regionale Lieferketten, kommunale Wirtschaftsförderung sowie verfügbare Förderprogramme.

Oft wird dabei Amazon als Buhmann identifiziert und konkret angesprochen. Amazon muss für viele Versäumnisse der regionalen Verwaltung herhalten. Gerade Amazon hat aber vielen kleinen Händler ungeahnte Marktpotentiale in der Coronakrise ermöglicht, als der Politik nichts anderes einfiel, als einen Laden nach dem anderen zu schliessen und Corona-Hilfen nicht ausgezahlt hat. Das Staatsversagen ist groß, der Einfallsreichtum gering. Die Verwaltungen geben sich keine Mühe.

Wir betreiben ein Stadt-Portal, digitalisieren kleine Kommunen, helfen Einzelhändlern mit Online-Shops und Webseiten weiter und beschäftigen uns ständig mit dem – nicht nur digitalen – Wandel in der Gesellschaft. Wir bauen keine Straßen, wissen aber, wie Konsum und Kaufverhalten im merkelschen Neuland funktionieren.

Wie Städte die Marktgesetze missachten

Es hat noch nie jemandem geschadet, der betriebswirtschaftliche Ratschläge austeilt, selbst die Marktgesetze zu kennen und danach zu handeln. Leider haben weder Industrie- und Handelskammern noch die Städte derzeit offenbar ausreichend Wissen, was es heisst, ein Unternehmen aufzubauen, zu führen und durch schwierige Corona-Zeiten zu leiten. Nahezu respektlos ist der Umgang der Kommunen mit erfolgreichen Online-Shop-Betreibern. Coronamassnahmen bedrohen ganze Lebenswerke von kleinen Unternehmen und das einzige, was den Kommunen dazu einfällt, sind Aufrufe zum Ändern des Kaufverhaltens, Sitzbänke in den Innenstädten, Mietpreissenkungen, die man nicht erreichen kann, und Strassenbau. Das ist zu wenig.

Niemand wird einen Bürger und Verbraucher zwingen, auf bestimmten Weg zu konsumieren. Was beim Stadtfest vielleicht noch funktioniert, funktioniert nicht mehr im häuslichen Alltag. Welchen Grund sollte ein Bürger haben, in einer Stadt einzukaufen, wenn es dort keinen messbaren Vorteil für ihn gibt. Wir können uns Regionalität zwar schön reden, aber es geht um den Vorteil und nur um den Vorteil des einzelnen. Der Anteil derjenigen, die ihr Geld aus altruistischen Gründen lokal ausgeben, schrumpft mit jedem Jahr und das hat Gründe, die auch im ausufernden und stetig versagenden Steuersystem zu finden sind.

Den Kammern und den Stadträten ist die Wahrheit zum Thema Innenstadt abhanden gekommen. Die Einkaufsstraßen der 80iger Jahre funktionieren nicht mehr. Auf Sitzbänken, die Werbebotschaften tragen und die wie Fremdkörper in historischen Städten stehen, nimmt niemand Platz, der einen Mehrwert in die Stadt bringen will. Straßen werden genutzt, um in die Berge oder an die See zu fahren, die Stadt schnell zu verlassen und nicht, um diese zu besuchen. Die Innenstadt hat ihr Leben verloren zwischen Dönerbude, Pizzeria, langweiligem 80iger Jahre Pflastersteinen und geringer Auswahl im Sortiment.

Die Stadträte predigen die Liebe zur Stadt, es fehlt aber an Gestaltungswillen und eigenem Einsatz. “Zukunft Innenstadt” schreit es überall, dabei weiss jeder Bürger längst, die Innenstadt hat in dieser Form keine Zukunft mehr, denn sie wurde schon vor Jahren von den Bürgern verlassen und selbst die Bürgermeister kaufen längst im Internet ein und nur selten sind die vermeintlichen Lobbyisten, wie die IHK, mit dem Standort Celle noch im Herzen der Stadt ansässig. Die Innenstadt wurde aufgegeben.

IHK-Motto und Zukunft Innenstadt

Hat man ein Motto, freut es alle, insbesondere die Bürgermeister. Auch zur Wahrheit gehört, dass es niemanden mehr interessiert, ob die Zwangsveranstaltung IHK, die unsere Zwangsbeiträge jahrzehntelang verprasst hat, irgendetwas zu unserer Stadt zu sagen hat. In Celle sowie in den meisten anderen kleinen Städten ist die IHK seit Jahren nicht mehr präsent und beschäftigt sich nur mit ihrer Zwangsverwaltung. Wir brauchen sie nicht mehr. Ein Mehrwert ist nicht mehr da. Ihre Stimme in der Coronakrise war nicht hörbar. Es melden sich nur die, die mit der Kammer und der Stadt Geld verdienen wollen und können. Der Einzelhandel bleibt, wie so oft, auf der Strecke.

Städtebaumittel freuen die Stadtverwaltenden. Es interessiert unsere Innenstadt schon lange nicht mehr. Was sollen wir mit Städtebaumitteln, wenn schon lange niemand mehr in der Innenstadt lebt. Wenn der Mut nicht da ist, eine Fußgängerzone wieder zu einer belebten Stadtstraße umzubauen? Sie haben etwas zu verwalten und zu berichten. Die Innenstadt rettet es nicht, wenn man nicht weiss, wo man hin will. Es ist nur noch chaotische und hilflose Agitation.

Digitalisierungsprozesse beim Einzelhandel zu stärken, führt weder zu einer Sortimentsausweitung noch zu einem Beleben der Innenstadt. Es führt dazu, dass der Einzelhandel einen neuen lukrativen Markt im Internet entdecken kann. Bei fehlenden Menschen in der Innenstadt gibt es in der Folge verkürzt auch keinen Grund mehr, das Ladengeschäft zu betreiben. Ein Rattenschwanz der daran hängt. Es ist nicht die Digitalisierung, die das Problem ist. Das Problem ist das, was wir damit machen oder nicht machen. Der Einzelhandel, der überleben will, wird sich digitalisieren. Dazu braucht es keine Verwaltung oder Förderprogramme. Die Förderprogramme, die regelmässig der einzige Ansatzpunkt der Wirtschaftsförderer der Städte sind, sind unbrauchbar und sorgen nur dafür, dass der eigene Antrieb der Unternehmen zur Digitalisierung ausgetrieben wird.

Chaotischer Lieferverkehr in der Innenstadt macht jede Aufenthaltsqualität kaputt. Der Einzelhandel wird jedoch wie die Menschen der Stadt durch Online-Händler und Online-Großhändler beliefert und die Städte haben völlig versagt, dies zu disziplinieren. Die Folge ist, den Menschen ist es zu laut in den Cafes, zu gefährlich auf den Straßen, sie meiden die Innenstadt der Kastenwagen und Kühllaster. Probleme, die seit vielen Jahren bekannt sind.

Eine nicht ganz neue Idee ist die Quartierstrategie. Früher hat man dazu Stadtviertel gesagt. Die Innenstadt ist ein solches Stadtviertel. Mehr gibt es innerstädtisch nicht und es dort wirklich bewohnbar zu machen, heisst, Rückbau der Einkaufs-Trassen. Nur dann kann auch ein Quartier entstehen. In einer Infrastruktur, die jedoch zum Schaufensterbummel der 90iger Jahre ausgelegt ist, wird niemals ein Wohnquartier mit Familien integrierbar sein.

Dann will man Förderprogramme niederschwelliger – kurz mit geringer Hürde – einführen. Was will man fördern? Niemand weiss so richtig, was eigentlich fehlt. Und das, was fehlt, darf auch nichts kosten. Die Förderprogramme, die man einführt, hat man selbst zusammengeschustert. Niemand hat mal jemanden gefragt, der täglich kleine Unternehmen in der Digitalisierung betreut und unterstützt, wofür wir eigentlich Rechnungen schreiben. Genau darum geht es. Wenn kein Unternehmer beteiligt ist am Aufsetzen der Förderprogramme, der konkret weiss, wo der Schuh drückt, dann ist das Programm das Papier nicht wert, auf dem es steht. Die n-bank und auch das Programm go-digital sind solche Luftnummern, die einfach in kleinen Städten nicht funktionieren können und von den falschen abgerufen werden. Wollen Sie wissen, warum, fragen Sie uns. Wir sind go-digital zertifiziert.

Die IHK Lüneburg-Wolfsburg möchte gerne mit Zukunft Innenstadt die Innenstädte attraktiv machen und gegen den konkurrierenden Online-Handel stark machen (IHK Magazin Unsere Wirtschaft 02/2021). Ich habe noch nie so viel Unsinn in einem Satz gelesen. Der Online-Handel, der da konkurriert, ist im besten Fall der Einzelhandel der Innenstadt und zugleich Zwangsmitglied der IHK – also ein pflichtbeitragszahlendes Mitglied der eigenen IHK! Genau gegen diese originären Mitglieder der Kammer macht die IHK sich stark, gegen uns und Sie. Die IHK hat keinerlei Fachkompetenz, zu verstehen, wie Handel funktioniert und dass es eine Symbiose der Märkte ist, die mit Markttransparenz einhergeht, was derzeitiges betriebswirtschaftliches Handeln auf die Probe stellt, weil alte Marktgesetze und Lehren von der Transparenz der Märkte nicht mehr gelten. Wir sind gut beraten daran, die Innenstadt nicht der IHK zu überlassen.

Was ist die Zukunft der Innenstädte?

Natürlich sind alle gespannt auf die Lösung, die wir präsentieren, nach dem man diese Zeilen hoffentlich aufmerksam gelesen hat. Ich kann nur dringend dazu raten, Unternehmer ins Boot zu holen und die Innenstadt nicht den Städteplanern, Wirtschaftsförderern und Kammerpräsidenten zu überlassen. Dann ist sie verloren.

Es ist eine Reise, auf die sich die Innenstadt begeben wird. Wer meine Artikel der letzten Jahre zum Thema Innenstadt gelesen hat, weiss, welche Reise das sein wird. Ich will mich da nicht wiederholen, sondern lege dem Leser genau diese Artikelserie ans Herz, um Lösungen zu finden und zu verstehen, was derzeit passiert.

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Diese Reise wird für die Innenstadt, wenn es gut läuft, bei der Sehnsucht der Menschen nach einem Ausgleich enden. Ausgleich zum Online-Handel, zum ständigen Besorgen der notwendigsten Dinge im Leben, zum Stress im Beruf, zu langen Wegen und ein Ausgleich von Hektik und Stress. Genau all dem, wo man in den 80igern Jahren, als unsere Innenstädte zu dem wurden, was sie heute sind, den Sinn der Innenstadt eben nicht gesehen hatte. Es war scheinbar erstrebenswert, all das nicht zu bieten. Aber genau darum geht es, wenn wir von Aufenthaltsqualität sprechen.

Zur Zeit ringen alle darum, wie eine zeitgemäße Innenstadt aussehen könnte und versuchen, damit etwas getan wird, mit hektischen Dingen wie Förderprogrammen und anderen Massnahmen, irgendetwas zu bewegen. Wirtschaftsförderer werden im Erfolg an der Quote der Summe der Fördermittel, die sie bewegen, gemessen. Eine absurde Veranstaltung. Und es ist sinnlos. Es wird nicht zum Ziel führen.

Den Bürgern der Stadt muss klar sein, wofür sie ihre Innenstadt eigentlich benötigen. Zum Einkaufen der täglichen Dinge brauchen wir die Innenstadt nur noch am Rande. Das heisst aber gleichzeitig – und das ist der Denkfehler der heute Handelnden – nicht, dass wir unsere täglichen Dinge nicht bei regionalen Unternehmen kaufen. Wenn das einmal verstanden ist, haben wir eine Chance, unsere Innenstadt zu prüfen. Wir haben viele Lösungsansätze, wo man sofort aktiv werden kann.

Fußgängerzonen sind wie alte Windows-Systeme oder alte E-Mails. Man denkt, man kann ohne nicht leben, aber es gab eine Zeit – und diese war viel länger, als es Fußgängerzonen gab – da hat Verkehr und der Fußgänger in belebten Städten nebeneinander existiert. Da gab es Bordsteine, die auch getrennt haben. Niemand will sich heute mehr über das 80iger Jahre Steinpflaster freuen oder kann sich gar vorstellen, dort mit Kindern täglich zu leben. Will man Leben in der Innenstadt, muss man alte Zöpfe abschneiden und neu denken. Man muss gewohnte Bilder aufbrechen, und wenn es nur das Steinpflaster der Einkaufs-Trassen ist.

Das Handwerk ist in den meisten Innenstädten verschwunden. Das hat einen Grund. Wir müssen über diesen Grund nachdenken und überlegen, wie Handwerk heute in der Innenstadt stattfinden kann. Denn zum Handwerk gehören auch Familien, Leben und Zukunft. Handwerk ist attraktiv und bietet Mehrwert für alle im Quartier.

Die Digitalisierung ist ein Mittel, wie man Menschen zusammenführen kann und Dinge neu ordnen. Das setzt aber voraus, dass nicht der Mensch die Digitalisierung der Innenstadt sucht, sondern sie findet und nutzt. Das ist der Denkfehler, wenn heutige Oberbürgermeister meinen, dass der digitale Schaufensterbummel oder kleinste Branchenverzeichnisse der Stadt irgendwie helfen könnten, Einzelhandel zu stützen. Es ist symptomatisch, wie wenig Kenntnisse die Städte haben und wie wenig sie planvoll vorgehen, wie Bürger einkaufen und informiert werden wollen. Jeder Euro, der in solche sinnlosen Massnahmen investiert wird, ist in einer KiTa besser aufgehoben. Nur das planvolle Vorgehen ermöglicht es, die Digitalisierung zu einem Mehrwert der Innenstadt zu machen. Dazu braucht es Fachkompetenz, die die üblichen Unternehmensberater nicht bieten. Hier bedarf es neuer Wege, die wir täglich gehen. Neue Wege, die bekannt sind, die aber stetig konsequent ignoriert werden.

Die Reise der Innenstädte wird geprägt sein von Digitalisierung und Handwerk, von Familien und fehlenden Fussgängerzonen, die zu Lebensräumen werden, – von Aufenthaltsqualität und Kommunikation. Dazu braucht es aber Mut und Investitionswillen. Es ist der gleiche Wille, der notwendig war, um unsere Innenstädte in diese Verödung zu versetzen, die wir heute überall antreffen. Mit gleicher Kraft können wir die Innenstadt weiterentwickeln zu einem gemeinsamen wertvollen Raum.

SchlagworteCelleDigitalisierungEinzelhandelIHK Lüneburg-WolfsburgInitiative CelleOnline-HandelSterben der Innenstädte

Über Immo W. Fietz

Immo W. Fietz, Jahrgang 1970, ist gelernter Programmierer, studierter Jurist und Betriebswirt sowie Sachverständiger für Neue Medien. Hier schreibt er als leidenschaftlicher eCommerce-Spezialist der ersten Stunde über tägliche Probleme im Online-Handel und der Verknüpfung von stationärem Handel mit dem Internet, lokale Marktplätze, Stadtentwicklung in der Digitalisierung und politische Rahmenbedingungen des eCommerce.

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